zeichnen – eine hommage an die zerbrechlichkeit  | english | français

ich schreibe in zeichnungen, mit linien, mit farbe, mit gesten meiner hand. im zeichnen verlangsamt sich mein schreiben. weiß spielt dabei eine besondere rolle, weiß ist pause: das innehalten der geste.

ich zeichne für diesen wunderbaren planeten. ich zeichne die erinnerung wach, daß wir menschen als eine gruppe der säugetiere schlicht eine ansammlung an zellen sind, die einen lebendigen Organismus bilden. ich zeichne im bewußtsein unserer atmosphäre, die eine derart üppige form von leben und schönheit zugelassen hat. meine zeichnungen sind eine kurze berührung, haut an haut, weil ich auf diese weise etwas sage, das ich anders nicht zu sagen weiß.

bevor ich zeichnen kann, sammle ich eine menge zeit ein. wahrscheinlich fließt jedem betrachtenden meiner zeichnungen diese zeit entgegen.

fourmis – ameisen

nach langer zeit sitze ich endlich mal wieder allein im zug, im norden, im winter – ohne begleitung, ohne gespräche, ohne fluten von eindrücken – schaue aus dem fenster und lasse schneelandschaften an mir vorbeiziehen, wie in einem langen monotonen film in weiss mit kleinen schwarzen, grauen oder angedeutet farbigen unterbrechungen, sicherlich irgendwelche reellen dinge, die ich aber nur noch als striche und flecken wahrnehme. und plötzlich versinke ich im weiss. pause.

in die pause taucht ein altes und doch neues bild vor meinen augen auf: wann und vor allem warum habe ich meine erste freie zeichnung gemacht, die ich dann signierte? alles begann mit dem zick-zack-kurs einer ameise auf einer hell gefliesten terasse oder mit dem beobachten dieses laufs, dieser wirren und doch gezielten bewegung ihres kurses auf dem weißen grund. erste kleine zeichnungen im haus folgten. immer wieder ortswechsel zwischen dem draußen beobachten, einprägen und dem drinnen zeichnen, im stillen raum.

die neugierde trieb mich zu lesen, zu recherchieren, zu suchen. was ist das für ein volk, das da um uns, zwischen, mit uns lebt? in einer parallelwelt existiert? das wissen oder die vorstellung dieser parallelwelten verwandelte sich und führte zu intuitivem handeln. das resultat war meine geste des zeichnens. zeichnen wurde zur intuition. das war tatsächlich der anfang meiner freien zeichnung.

bücher

bücher umgeben mich stapelweise, in regalen, auf den böden, auf den tischen, in den ecken, ich lese sie an oder durch, einige auch mehrmals. aber immer wieder gibt es eines, das mich stetig begleitet, manchmal für jahre. ich lege es zuoberst auf meinen tisch, nehme es mit auf reisen, schiebe es unter meine kissen. es ist so, als würde es mich beschützen oder an meine träume erinnern. aus diesen meinen begleitern zitiere ich. mit der lektüre im kopf entstehen meine bilder. auf diese weise fügt sich hinter jede meiner zeichnungen ein wort, eine frage, ein sachverhalt, ein wissenschaftliches phänomen, ein mythos – meine titel sind ein indiz sie aufzuspüren.

sinnlichkeit

sinnlichkeit übt eine unerhörte macht auf uns aus. wir erfahren sie aber nur, wenn wir uns verlangsamen, wenn wir stille zulassen oder einfach langeweile. erst mit der langen weile entsteht endlich konzentration und nur hier findet die sinnlichkeit ihren nährboden: lassen wir sie einmal ihren weg zu diesem boden bannen, ist sie nicht mehr zu bremsen und entfesselt explosionsartig leben – unhörbar – von innen pocht sie an unsere haut. so wie es max frisch im homo faber in einem satz ausdrückt “wo man hinspuckt, keimt es!”.

homards – bleu est une couleur chaude – blau ist eine warme farbe

wieso habe ich ausgerechnet hummer gezeichnet?

stilleben haben mich schon als kind fasziniert. diese stilleben, die essbares so nah und detailreich darstellen, wie zum beispiel zitronen oder pfirsiche prall und üppig in einer farbigkeit, dass ich am liebsten hineinbeissen wollte. immer wieder tauchten auf diesen bildern die knallroten hummer auf, daran erinnerte ich mich.

ich suchte und studierte fotos von diesen tieren, lebendig, roh oder auch gekocht. in restaurants und fischläden betrachtete ich diese graublauen wesen mit ihren ruhigen schönen bewegungen im kühlen wasser, fasziniert von dem farbenspiel ihrer körper und diesen verrückten strukturen ihrer panzer. und natürlich tauchte die frage auf: wie können diese sanften graublauen nuancen sich beim kochprozess in ein solches knallorange verwandeln?

diese frage rotiert abwechselnd mit den farben und bewegungen der lebendigen tiere in meinem kopf während ich zeichne.